LEAS ERBE STERNE BLUT

Band 1. 

Leas Erbe/Sterne Blut/Band 1
Leas Erbe/Sterne Blut/Band 1

  2099

 

Die Große Katastrophe. Der Krieg. Die Seuche.

 

2528

 

Endlich eine neue Zeit.

 

Aber der Frieden trügt, denn keine der menschlichen Rassen - weder Menschen noch Vampire - hat aus der Vergangenheit gelernt.

 

So zerbricht Leas Leben.

 

Über Nacht von der Studentin und erfolgreichen Pilotin zur Gejagten, ihre Freunde in tödlicher Gefahr und Lea weiß nicht warum.

 

Doch es ist ihr Erbe.

 

Und um sich und ihre Freunde zu retten, muss Lea das Geheimnis ihrer Herkunft lösen.

 

Schnell. Gegen den Verrat. Gegen den  Tod.

 

Und die Zeit läuft ...

 

Klappentext

Im Jahr 2528 – 500 Jahre nach der Großen Katastrophe – lebt und studiert Lea in der Kuppelstadt Grenoble.

 

Eingebunden in den alltäglichen Trott ...

Bis eine ihr unbekannte Verwandte sie um ein Treffen bittet, im Sperrgebiet, außerhalb der Kuppel.

 


Von diesem Treffen an überschlagen sich die Ereignisse und Lea bleibt nur noch wenig Zeit zu akzeptieren wer sie ist, und noch weniger Zeit, Freund und Feind zu unterscheiden. Sie muss nun sich und ihre Liebe retten, bevor die Menschheit erneut an einem zweiten Abgrund steht.

Trailer

Leseprobe

Andreas Wisst

LEAS ERBE

STERNE BLUT

 

 

 

  

 

Alles, was wir wirklich lieben,

ist unersetzlich,

und alles, wofür Ersatz nur denkbar ist,

haben wir niemals wahrhaftig geliebt.

 

Gustav Nieritz (1795-1876)

 

 

 

 

 Prolog

„Klack“

Die Spitze der schweren Spitzhacke bohrte sich in den gefrorenen Boden und durchbrach jäh die winterliche Stille.

„Verdammter Dauerfrost!“, fluchte Lou leise vor sich hin.

Mit dem Ärmel seines abgewetzten Parkas wischte er sich den Schweiß aus seinen maulwurfsartigen Knopfaugen und rückte die Dockermütze aus schwarzem Filz zurecht, die seinen kahlen Schädel bedeckte. Trotz der klirrenden Kälte von zwanzig Grad minus, welche seinen Atem sofort zu kleinen nebligen Wolken gefror, rann ihm der Schweiß in dicken Perlen die Stirn und den feisten Nacken hinunter. Für eine kurze Verschnaufpause blickte Lou zum glühenden Abendhimmel auf. Dabei reckte er seinen schmerzenden Rücken gerade, bis einige Wirbel vernehmlich knackten. Er zwinkerte den noch vereinzelt herunterkommenden Schneeflocken entgegen, die wie fette Daunen in der abflauenden Brise zu Boden taumelten. Kein Vergleich zu den eisigen Kristallen von vorhin. Zu einem dichten Schwarm stechender Nadeln vereint hatte der schneidend kalte Ostwind den Schnee so heftig durch das Tal und den darin eingeschlossenen Wald gepeitscht, dass er kaum mehr die Fingerspitzen seiner ausgestreckten Hand hatte erkennen können. Ein für Ende Mai noch verdammt heftiger Blizzard. Ganz plötzlich war er aufgezogen. Böse überrascht hatte er ihn und Toni! Und das, wo Toni behauptete, das Wetter hier wie seine Westentasche zu kennen. Von wegen! Großmaul! Gerade noch im letzten Augenblick hatten sie bei der alten Mauer Schutz gefunden. Irgendwann, fluchte Lou in sich hinein, würden Tonis Profitgier und der Mist hier sie beide umbringen! Den Blick noch immer himmelwärts gerichtet, atmete Lou mit einem kräftigen, geräuschvollen Atemstoß aus.

Immer dichter drängten die Strahlen der Abendsonne durch die zerfasernden Wolken hindurch. Nicht mehr lange, schätzte Lou, und die rote Abendglut würde den Himmel vollständig durchtränken. Eine Flut aus lichtem Blut, die sich über die schneebedeckten Flanken der Gebirgszüge, welche das Tal wie stumme Wächter umschlossen, hinab ins Tal ergießen würde. Ein Anblick, den Lou schon Hunderte von Male gesehen hatte, ohne dass etwas passiert wäre. Er sollte ihn gewöhnt sein. Doch diese vom glutroten Licht gezeichnete Landschaft wirkte wie ein böses Omen auf ihn. Jedes Mal aufs Neue.

„Toni, glaubst du wirklich, dass wir noch hier sein sollten?“, keuchte Lou, während er seine Spitzhacke erneut kräftig in den Boden schlug.

„Klack“

„Ich hab dir doch gesagt, wegen der Patrouille brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Martin ist mir noch was schuldig und er hat es mir auf alle Heiligen geschworen! Die von ihm eingeteilte Patrouille nimmt heute nicht die Route an der alten Fabrik entlang. Wir haben also alle Zeit der Welt“, antwortete Toni beiläufig.

Lou verzog Mund und Augenbrauen zu einer unwilligen Grimasse. Jetzt schlug Toni schon wieder diesen Ton an, der ihn wie einen dummen Jungen dastehen ließ. Lou fluchte in sich hinein. Das ging ihm inzwischen so was von auf die Nerven! Langsam zog er die Hacke aus dem Boden und riskierte über seine Schulter einen Blick zu Toni.

Nur wenige Schritte hinter Lou grub dieser mit harten Spatenstichen verbissen an seinem inzwischen schon hüfttiefen Loch. Toni war ein Mann mit scharfen Gesichtszügen. Sein großer und hagerer Körper steckte in einem dem Schnee entsprechenden Camouflage Parka und robusten Schnürstiefeln, was auch Lou trug.

Einen Augenblick zögerte Lou unsicher, dann versuchte er es erneut.

„Das - Das meine ich doch nicht! Ich meine, ich denke wir sollten sehen, dass wir jetzt schnellstens hier abhauen. Es wird langsam dunkel. Und du weißt doch, was man über diese Gegend sagt.“

Für die Dauer eines Atemzuges hielt Toni inne und bedachte Lou, aus dem Schatten seiner von dichtem Pelz geränderten Kapuze heraus, mit einem verächtlichen Blick.

„Hier treiben sich ein paar Wölfe rum“, ließ Toni sich schließlich herab. „Na und? Sehen wir etwa aus wie Rehe? Der Wald ist voller Wild, da werden die Biester sich nicht mit uns aufhalten. Außerdem sind Wölfe scheu, die meiden den Kontakt mit Menschen, das weiß doch jedes Kind!“

„Aber ich denke …“

Lass das Denken, Lou! Das ist nicht dein Ding. Unter Garantie nicht“, schnitt Toni ihm barsch den zaghaft aufkeimenden Widerspruch ab und stieg kraftvoll auf die Kante seines Spatens. „Wo kämen wir hin, wenn wir auf jedes abergläubische Geschwätz hören würden“, fuhr er atemlos fort, während er mit dem Spaten ein weiteres Stück spröder Erde herausbrach. „Wenn du deine Schicht am Institut schiebst, dann bist du doch auch nicht so ängstlich. Also, mach weiter!“

Mit einer schwungvollen Drehung warf Toni die auf seinem Spaten angehäufte Erde hinter sich, wo sie prasselnd auf einem Haufen am Rand seines Loches landete. Als er sich wieder umdrehte, sah er prüfend zu Lou hinüber. Der starrte ihn stumm an, ohne die geringste Anstalt zu machen, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Entnervt nahm Toni einen tiefen Atemzug der klirrend kalten Luft und rammte seinen Spaten so heftig vor sich in den Boden, dass er in der gefrorenen Erde senkrecht stecken blieb. Hastig fasste er mit der rechten Hand zum Klettverschluss seiner aufgesetzten Beintasche und öffnete sie mit einem Ruck. Ohne sich von seinen dicken Handschuhen behindern zu lassen, zog er flink einen schmalen, flachen Gegenstand aus der Tasche, den er Lou am ausgestreckten Arm entgegenhielt.

„Das habe ich hier gefunden! Ein iPhone 55.5, die goldene Jubilee Edition“, klärte er Lou in ungeduldigem Ton auf. „Das Teil ist über vierhundert Jahre alt. Hast du überhaupt eine Ahnung, was uns so was unter Brüdern bringt? Wenn die Antiquitätenhändler in der Stadt das sehen, kloppen die sich dafür blutig!“

Lou blinzelte auf das Gerät, das in einer schwarzbräunlich verrotteten Silikonhülle steckte. Und von der goldenen Farbe, stellte Lou für sich in Gedanken klar, war da auch nur noch mit sehr viel Fantasie was zu erkennen. Vermutlich steigerte Toni sich wieder mal mit vollkommen überzogenen Erwartungen in seinen Fund rein. Wie letzten Monat, als er geglaubt hatte, eine Xbox One gefunden zu haben. Zehntausend Kuppeleinheiten hätte das Teil vom Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts laut Toni bringen sollen. Da hatten die Händler in der Stadt ziemlich darüber gelacht.

Doch unter Tonis bohrendem Blick zog Lou nur befangen die Schultern hoch und machte eine unschlüssige Kopfbewegung. Er hasste es, wenn Toni ihn wie ein unverständiges Kind belehrte. Doch noch weitaus mehr hasste er es, dass er es zuließ. Er sollte sich wehren. Endlich.

„So ein Fund, in so einem top Zustand, der bringt uns mindestens fünfundzwanzigtausend Kuppeleinheiten. Hörst du! Fünf-und-zwan-zig-tau-send“, betonte Toni stolz jede einzelne Silbe. Dabei blitzte in Tonis Augen ein derartig gieriges Glühen auf, dass Lou um dessen Verstand fürchtete. „Heute ist mein Glückstag. Hier ist eine verflucht gute Stelle, das spür ich!

Außerdem habe ich keine Lust, bis zu dem Tag an dem ich nicht mehr kriechen kann, meine Nächte damit zu verbringen, als kleiner unterbezahlter Sicherheitsmann stupide Runden in dem Laden zu drehen. Du etwa?“

Lous Lippen zuckten, als wollte er etwas sagen, aber dann zog er unter Tonis unerbittlichem Blick doch wieder nur ausweichend die Schultern hoch.

„Na siehst du!“, blaffte Toni daraufhin. „Und im Gegensatz zu dir, hab ich zu Hause fünf hungrige Mäuler zu stopfen, wofür das lausige Gehalt hinten und vorne sowieso nicht reicht. Du weißt ja gar nicht, was für ein Glück du hast, keine Familie am Hals zu haben! Also los, halt die Klappe und mach endlich weiter!“ Damit schob Toni das iPhone in seine Beintasche zurück und wandte sich mit dem Spaten erneut seinem Loch zu.

Stumm sah Lou zu, wie Toni seinen Spaten so hart in die Erde rammte, als hinge sein Leben davon ab. Dabei stand Lou immer noch auf der Stelle. Unentschlossen. Die Hacke in seiner rechten Hand, dicht unter dem Eisen am hölzernen Schaft gefasst. Nervös wippte Lou mit dem schweren Kopf der Hacke, während er mit sich und vor allem mit der Angst vor Tonis unberechenbaren Launen rang.

„Aber - Aber die Dämmerung hat schon seit einer halben Stunde eingesetzt“, stammelte Lou schließlich.

Unbeeindruckt von Lous Einwand grub Toni weiter. Die Erde flog aus dem Loch und das Blatt des Spatens drängte sich erneut mit metallischem Knirschen in den Boden. Nicht für den Bruchteil eines Wimpernschlages sah Toni dabei zu Lou auf, tat, als hätte er ihn nicht gehört.

Toni war geldgierig, arrogant und herrschsüchtig. Wenn er am längeren Hebel saß, konnte er manchmal auch richtig brutal und grausam werden. Doch eines, dessen war Lou sich sicher, das war Toni garantiert nicht: Taub!

Einen Moment beobachtete er Toni noch unschlüssig, dann gruben sich tiefe Falten zwischen seine buschigen Augenbrauen.

„Lou mach dies, Lou mach das! Nein Toni, diesmal nicht“, brummelte Lou wütend vor sich hin. Entschlossen umfasste er fest den hölzernen Schaft seiner Spitzhacke und stieg aus seinem Loch, um zu Toni hinüberzugehen.

Aufgeschreckt von den krachend durch den verharschten Schnee brechenden Schritten, sah Toni ruckartig auf.

„Hey, was soll das? Es hat keiner gesagt, dass wir aufhören, also mach weiter“, fuhr er Lou barsch an, der jetzt mit hochrotem Kopf am Rand seines Loches stand. „Hör zu, bis jetzt hab ich mich zurückgehalten, aber anscheinend …“

„Es reicht!“, unterbrach Lou ihn mit fester Stimme. „Ich mach nicht mehr weiter. Ich geh jetzt! Hier, deine Hacke!“ Demonstrativ schmiss Lou bei diesen Worten die Hacke neben sich in den Schnee, dann wandte er sich auf den Hacken um und stapfte davon.

Er musste weg hier! So schnell als möglich wollte Lou die Reste der ehemaligen Fabrikumfriedung erreichen, wo sich einer der Einstiege zu den Tunnels und Kanälen befand, deren dichtes Netz den Untergrund der Kuppelstadt wie ein Labyrinth durchzog. Dort wollte Lou sein, bevor ihn die immer weiter vorankriechenden Schatten des nahen Waldrandes erfassten. Hätte er erst einmal den Einstieg erreicht, dann wäre er in Sicherheit, dachte er sich. Ihm war jetzt auch völlig egal, wie sauer Toni auf ihn sein würde. Genauso egal, wie seine ewig nörgelnde und nagelfeilende Freundin Chipy, die ebenfalls ausflippen würde, falls Toni ihr von dem entgangenen Gewinn erzählen sollte. Denn da hinten, im Wald, meinte Lou zu spüren, wie etwas auf sie zukam. Und das waren keine Wölfe. Sondern etwas Unheilvolleres. Etwas Böseres. Etwas, das ihm jetzt auch um einiges mehr Angst machte als Tonis und Chipys gesammelte Wut und Häme auf ihn.

Vollkommen baff über die bisher unbekannte Entschlossenheit seines sonst treu-dummen Halbruders starrte Toni ihm nach.

„Hey du fetter Idiot! Was soll das?“, brüllte Toni, nachdem er sich wieder gefasst hatte, außer sich vor Wut Lou hinterher. „Du kannst die Sachen nicht einfach so hier lassen. Die Werkzeuge haben über hundertzwanzig Kuppeleinheiten gekostet. Soll ich den ganzen Mist etwa alleine nach Hause tragen? Seit wann bin ich dein Laufbursche?“

Widerwillig blieb Lou stehen. Er verweilte einen Moment zögernd auf der Stelle und überlegte, was er nun tun sollte. Der Mist war, dass Toni mit dem Werkzeug Recht hatte. Es war teuer gewesen und er hatte eigentlich nicht einmal ansatzweise so viel Geld, dass er sich dessen Verlust einfach so leisten konnte. Aber andererseits, wenn er jetzt zurückging, um es zu holen, würde er Toni wieder direkt gegenüberstehen und womöglich nicht mehr den Mut aufbringen, sich ihm erneut zu widersetzen. Unterdessen drang aus dem Wald hinter ihm ein leises Knacken herüber. Doch bevor Lou sich über das Knacken Gedanken machen konnte, schrie Toni ihn bereits mit seiner schrillen Stimme erneut an.

„Hey Fetty, dreh dich gefälligst um! Ich rede mit dir!“

Wütend ballte Lou die Hände an seinen Seiten zu Fäusten. Wenn er von Toni Respekt wollte, dann musste er dieses Mal unter allen Umständen stark bleiben. Mit einem Ruck wandte er sich zu Toni um. Dabei sah er entsetzt, dass der Schatten des nahegelegenen Waldrandes Toni inzwischen schon vollständig erfasst hatte. Lässig auf den Stiel seines Spatens gestützt stand Toni in seinem Loch und fixierte Lou abwartend mit kühlen schmalen Augen.

„Und was jetzt?“, erkundigte sich Toni in gefährlich falscher Ruhe.

Lou nahm einen langen und tiefen Atemzug der eisigen Luft, um seinen frisch gefassten Mut nicht gleich wieder zu verlieren.

„Weißt du was Toni? Ich …“, setzte Lou an und stockte sogleich wieder.

Verdutzt bemerkte Toni, wie Lou seine kleinen Maulwurfsaugen jetzt weit aufriss, während sämtliche Farbe so schlagartig aus seinem Gesicht wich, als hätte man sie mit einem Wisch daraus gelöscht.

„Na Großmaul, war’s das schon?“, spottete Toni.

„Nein …“ Keuchend riss Lou seinen Arm hoch. „Aber da - da schau doch!“ Mit zitternder Hand wies er hinter Toni.

Aha! Lou fing wieder an zu stottern. So wie er es als Kind schon immer getan hatte, wenn es eng wurde. Tonis Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln. Für Toni war hiermit klar: Lou hatte den Mund zu voll genommen und nun verließ ihn der Mut. So wollte er also wohl wieder aus der Nummer rauskommen. Ziemlich kindisch!

„Fetty! Jetzt lenk nicht ab!“

„Sieh - Sieh doch selbst!“ Ein bekräftigender Ruck ging durch Lous immer noch hartnäckig ausgestreckte Hand, deren Zittern er inzwischen kaum mehr kontrollieren konnte. „D-Da!“

Jetzt wurde es Toni endgültig zu dumm mit Lou. Er rüstete sich aus dem Loch zu springen und Lou die Abreibung seines Lebens zu verpassen. Aber die seltsam wächserne Bleiche in Lous Gesicht und der panische Glanz seiner Augen hielten Toni im letzten Augenblick zurück. Kopfschüttelnd, begleitet von einem betont genervt klingenden Seufzer, drehte Toni sich schließlich in die Richtung um, in die Lou wies und erstarrte schlagartig. Mehrere flackernde Augenpaare fixierten ihn aus der Dunkelheit des nahen Waldrandes heraus. Weißglühend, körperlos, wie leuchtende Geister schwebten sie in der Dunkelheit der den Waldrand füllenden Schatten. Mit dröhnenden Herzschlägen presste sich das Blut hart und wummernd durch Tonis Körper, während seine Füße wie einbetoniert auf dem Boden ruhten. Zu was auch immer diese Augenpaare gehörten; keinesfalls zu Wölfen! Eigentlich zu nichts, was er kannte! Tonis Lunge schmerzte von der beißend kalten Luft, die er mit keuchenden Atemzügen einsog. Sein Instinkt brüllte ihn aus vollem Hals an wegzurennen. Aber es dauerte noch zwei quälend lange Atemzüge, bis sein Körper gehorchen konnte. Als die Starre ihn endlich losließ und er zu Lou herumwirbelte, war es jedoch zu spät. Ein Schlag, hart wie die Faust eines Riesen, traf Toni im Rücken und warf ihn zu Boden. Sein Gesicht wurde in die scharfkantige Erde gedrückt, doch der flammende Stich, der knackend sein Genick durchschnitt, unterband den Schmerz.

Als die Kreaturen aus dem Wald herausschnellten, stand Lou wie versteinert da. Die Kehle panisch zugeschnürt, unfähig, seine Zunge vom trockenen Gaumen zu lösen, um vor Angst wie von Sinnen zu schreien. Hilflos musste er mit ansehen, wie die grauenhaften Kreaturen Toni zu Boden rissen und zerfleischten. Erst als eine der Kreaturen wieder von Toni abließ, bedrohlich langsam den knöchernen Schädel in seine Richtung hob und ihn aus hohlen weißen Augen heraus fixierte, brach die Starre. In Windeseile drehte Lou sich um und begann zu rennen, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war. So schnell ihn seine kurzen ... 

 

 

 

© 2018 Andreas Wisst

 

Umschlag, Illustration: K. J. Kögel

Lektorat, Korrektorat: Reinhard Sing

 

 

 

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