LEAS ERBE     MONDE BLUT

Band 2. 

Leas Erbe/Sterne Blut/Band 1
Leas Erbe/Sterne Blut/Band 1

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Die Große Katastrophe. Der Krieg. Die Seuche.

 

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Endlich eine neue Zeit.

 

Aber der Frieden trügt, denn keine der menschlichen Rassen - weder Menschen noch Vampire - hat aus der Vergangenheit gelernt.

 

So zerbricht Leas Leben.

 

Über Nacht von der Studentin und erfolgreichen Pilotin zur Gejagten, ihre Freunde in tödlicher Gefahr und Lea weiß nicht warum.

 

Doch es ist ihr Erbe.

 

Und um sich und ihre Freunde zu retten, muss Lea das Geheimnis ihrer Herkunft lösen.

 

Schnell. Gegen den Verrat. Gegen den  Tod.

 

Und die Zeit läuft ...

 

Klappentext

Die Schlingen der finsteren Mächte ziehen sich in der Stadt immer enger um Lea und Colin. Sie müssen schnell handeln und ein fünfhundert Jahre alter Schlüssel ist ihre einzige Spur.

Lea hat keine andere Wahl, als den damit verbundenen Hinweisen zu folgen, welche sie immer tiefer in die düstere Dunkelheit ihrer Herkunft führen.

In der Hoffnung, das Leben ihrer Familie und Freunde, sowie die frisch besiegelte Liebe zu Colin retten zu können, zieht Lea los. Alleine. Alles und alle hinter sich zurück lassend steigt sie in Grenobles Unterwelt und stellt sich den Schatten ihrer Vergangenheit.

 

 

Leseprobe

Andreas Wisst

LEAS ERBE

MONDE BLUT

 

 

 

  

 

Man kann niemanden lieben, als den,

dessen Gegenwart man sicher ist,

wenn man seiner bedarf.

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

 

 

 

 

 Prolog

Für die Dauer eines Atemzuges wagte die blonde Frau es, eine Hand von ihrem Dutt zu lösen, den sie sich gerade hochsteckte. Mit einem kurzen gezielten Wisch zog sie eine Schneise auf dem beschlagenen Spiegel, dann flog die Hand zurück zu ihrer Frisur, bevor sich auch nur eine Strähne lösen konnte.

„Muss das wirklich sein?“, stöhnte eine Stimme neben ihr auf.

Ohne den Kopf vom Spiegel zu wenden, linste sie aus dem Augenwinkel zu Falco hinüber. Das Handtuch locker um seine schmalen Hüften geschlungen lehnte er, mit der Schulter abgestützt, rechts von ihr an den mintgrünen Fliesen des kleinen Bades. Eingekeilt zwischen dem Waschbecken und der Dusche.

„Du weißt ganz genau, dass ich nicht anders kann!“, gab sie etwas zu heftig zurück und steckte energisch die letzte Haarnadel in ihren Dutt. Die Haare waren nur handtuchtrocken, aber so streng, wie sie diese mit dem Dutt nach hinten gezogen hatte, würde es nicht auffallen. „Ich muss mich kurz bei ihm blicken lassen, sonst wird er noch misstrauisch. Es ist so schon schwer genug für mich, seinem Kontrollwahn zu entgehen und …“

„Das meine ich doch gar nicht“, unterbrach er sie lächelnd. „Deine Haare.“ Falcos Blick ging demonstrativ über sie hinweg, zu ihren Haaren. „Lass sie doch mal offen, Helen! Oder macht ihn das etwa auch misstrauisch?“

Helen wandte sich zu Falco und sein Lächeln verbreitete sich zu einem frechen Grinsen.

„Nein“, widersprach Helen mit einem zögerlich antwortenden Lächeln, während sie in Gedanken schloss: Wenn du wüsstest!

Helen beobachtete, wie ein Wassertropfen von seinen pechschwarzen und noch klatschnassen Haaren den Hals hinab, am kräftigen und verführerisch gewölbten Schlüsselbein vorbei, über seinen nackten Oberkörper rann. Im Licht der drei kleinen Halogenlampen, welche auf einer Schiene über dem Spiegel hingen, glitzerte der Tropfen wie ein flüssiger Diamant. Am liebsten hätte Helen den Tropfen über die Haut und die sich darunter abzeichnenden Muskeln verstrichen. Doch wenn sie das jetzt tat, würde Falco dies zu Recht als eine Aufforderung für mehr ansehen. Und das Letzte, was sie jetzt brauchen könnte, wäre, dass Falco ihre gerade erst wieder gerichtete Kleidung erneut zerknitterte und ihr Haar durcheinanderbrachte. Denn Falco war nicht für sie bestimmt. So hatte zumindest ihr Vater entschieden, der nicht nur Führer der Siedlung, sondern auch selbsternannter Verwalter der Beziehungen und Gefühle ihrer Bewohner war. Mit Argusaugen wachte und bestimmte er darüber, welche Frau und welcher Mann sich zu einem Paar fanden. DNA-Analysen und Algorithmen ersetzten in seiner Welt Liebe und Zuneigung. Einerseits wusste kaum jemand besser als Helen, warum ihr Vater dies tat. Alle Bewohner der Siedlung trugen Erbkrankheiten in sich, ihre Mutter war schon daran gestorben und kaum einer aus Helens Generation würde älter als vierzig Jahre werden. Die Regeln ihres Vaters sicherten ihr Überleben. Doch andererseits waren diese Appelle an ihr eingetrichtertes Pflichtbewusstsein müßig, da ihr Herz den Verstand schon längst besiegt hatte. Dabei verstieß sie mit Falco inzwischen vermutlich sowieso gegen jede einzelne Regel der Siedlung. Wie das Duschen gerade, das wäre auch verboten gewesen, da sie bereits geduscht hatte. In der Siedlung durfte man nur einmal am Tag duschen. Wasser war rationiert, wie alle Ressourcen hier. Sie lebten ansonsten gut, eben ohne Überfluss. Und damit dies so blieb, mussten die Siedler mit allem haushalten. Denn hier, mitten im Gebirge, war die Siedlung auf sich allein gestellt, abgeschirmt von ihren Feinden – aber auch dem Rest der Zivilisation. Ein Prinzip, das Helen, noch bevor sie laufen konnte, in sich aufgenommen hatte. Doch Falco und ihre Liebe zu ihm brachte alles durcheinander. Ihre Gefühle ebenso wie ihre Regeln und Prinzipien.

Seine rechte Schulter löste sich von den Fliesen und Falco beugte sich ihr, über das Waschbecken hinweg, leicht entgegen. Dabei beobachtete Helen, wie er seine Hand, welche er bisher mit dem Daumen locker in den Rand seines Badetuches eingepickt hatte, hob und ihr entgegenbrachte. Helen erstarrte. Zerrissen zwischen dem Wunsch, den erwarteten Kuss zu erwidern und dem Zwang, Falcos Zuwendung aufgrund der fortgeschrittenen Zeit abweisen zu müssen. Eine Handvoll ihrer abwartend klopfenden Pulsschläge später fühlte sie Falcos Hand in ihrem Haar. Sein Gesicht nun so dicht vor dem ihren, dass sein Atem verheißungsvoll über ihre Lippen streifte, ruhten ihre Blicke für die Dauer zweier Atemzüge ineinander. Einen Pulsschlag weiter zog Falco mit flinken Fingern die Nadeln aus ihrem Dutt, und ihr Haar ergoss sich über ihre Schultern. Helen wollte protestieren, doch Falco verschloss ihre Lippen augenblicklich mit den seinen.

Einen Moment lang waren alle Sorgen von ihr genommen. Lösten sich in der körperlichen Wärme und Intensität von Falcos Kuss, welcher nach den Aromen von Zitrone und Minze aus der siedlungseigenen Zahnpaste schmeckte. Und gerade als sie bereit war, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, lösten Falcos Lippen sich von den ihren. Seine Finger verschwanden aus den Haaren, in welche sie sich gegraben hatten. Noch schwindlig von dem Kuss, fiel Helens Blick in sein jetzt so plötzlich und unerklärlich ernstes Gesicht.

„Wie lange willst du das Versteckspiel noch mitmachen?“, antwortete er leise ihrem irritiert fragenden Blick.

Enttäuscht über die unglückliche Wendung des Moments, wandte Helen sich von ihm ab. Mit ihrer rechten Hand rückte sie unnötig den rahmenlosen Spiegel zurecht, um Zeit für eine passende Antwort zu gewinnen.

Nachdem sie Falcos Blick, der ihr hartnäckig über den Spiegel folgte, lange genug ausgewichen war, senkte Helen ihren Kopf dem Ausguss entgegen.

Dunkler Belag hatte sich im Überlauf festgesetzt und Kalkränder ersetzten am Stöpsel das abgewetzte Chrom. Helen stützte sich mit beiden Händen fest am Wachbecken auf, dessen Rand ihre schmalen Finger hilfesuchend umklammerten. Dabei fielen ihre vom Duschen noch klammen Haare seitlich, wie ein sich zuziehender Bühnenvorhang, vor ihr Gesicht. Helen versteckte sich dahinter vor Falcos forderndem Blick, unbeholfen wie ein Kind hinter einer halboffenstehenden Tür.

„Wir können uns nicht auf ewig verstecken und Zeit stehlen“, versuchte Falco behutsam auf Helen einzuwirken. „Irgendwann werden wir sehr große Probleme bekommen.“

„Du meinst, DU wirst sehr große Probleme bekommen“, wisperte Helen hinter ihren Haaren.

Ihr Vater hatte schon lange einen Verdacht. Aber wenn er sich dieser verbotenen Liebe erst sicher wäre, würde er an Falco ein Exempel statuieren. Ihr Vater würde die Höchststrafe verhängen und Falco fände sich auf dem Gletscher wieder, wie alle, welche schwer und unentschuldbar gegen die Regeln der Siedlung verstießen, gefesselt und in der eisigen Kälte zum Erfrieren abgelegt.

Ihre Mutter hatte sie abgöttisch geliebt und sie liebte ihre Schwester. Doch mit Falco hatte sie eine neue Art der Liebe entdeckt. Ihn liebte Helen auf eine andere, so verzehrende und vollkommen bedingungslose Weise, dass es fast schon körperlich schmerzte. Auf ihn wollte und konnte Helen nicht mehr verzichten.

Doch Alain führte die Siedlung mit eiserner Hand und seine Töchter waren ihm heilig, so heilig, dass Helen sich insgeheim schon länger fragte, ob er sie und ihre Schwester überhaupt jemals von sich weg in eine Beziehung gehen lassen würde. Denn eigentlich war Falco nicht so schlecht. Ihre Schwester hatte sich im medizinischen Trakt Zugang zu den von Alain unter Verschluss gehaltenen Unterlagen verschafft. Und obwohl Falco durch sein leicht verkürztes Bein etwas hinkte und seit Geburt auf einem Auge blind war, hatte er noch eines der besten genetischen Materialien der Siedlung.

„Was sollen wir denn machen?“, schlich sich verzweifelt über ihre Lippen.

Unterdessen färbte die Haut sich an ihren Knöcheln weiß, so sehr krampften ihre Finger sich um das kühle Porzellan des Beckens. Sie fürchtete sich vor ihrem Vater. Es war mehr die Gewohnheit, ihn um sich zu haben denn Liebe, was Helen an Alain band. Die Antwort Helens auf das Verhalten ihres Vater ihr und ihrer Schwester gegenüber. Alain verwechselte Liebe mit Besitz, liebte seine Töchter wie wertvollen Schmuck, welche man nach Belieben verwalten und wegsperren durfte. Doch trotz allem war und blieb Alain ihr Vater und sie wollte sich nicht an einer Verschwörung gegen ihn beteiligen.

„Du weißt, ich kann mich nicht offen gegen meinen Vater stellen und mich Gecko und deinen anderen Freunden anschließen.“

Ein Aufstand würde sowieso scheitern, schoben ihre Gedanken hinterher. 

Trotz seiner unbeugsamen Haltung hatte ihr Vater zu viele Unterstützer und Freunde in der Siedlung. Er war charismatisch und wusste es einzusetzen. Und dann wären alle Beteiligten an solch einer Aktion Verräter; zig Tote mehr im Gletscher! In Erwartung von Falcos Antwort kniff sie ihre Lippen zu einer bleistiftschmalen Linie zusammen und schloss die Augen. Egal wie, mit ihrer Beziehung hatte sie Falco und damit auch letztlich sich zu Tod und Unglück verdammt. Wurde ihr klar, und eine Träne stahl sich unter den geschlossenen Lidern hindurch.

„Das habe ich inzwischen auch begriffen und ich will es auch nicht mehr!“

In Erwartung einer aus den Worten für sie unvermeidlich ankündigenden Trennung versteifte sich Helens Rückenlinie, begleitet von Falcos bewussten und tiefen Atemzügen.

„Lass uns zusammen von hier verschwinden.“

 

*****

 

Der Blick des alten Mannes zu der goldverzierten Kaminuhr, welche auf der zwischen Tür und Schrank eingekeilten Kommode stoisch vor sich hin tickte, war grimmig. Ein altes Stück, das mit seinem altertümlichen Ticken den Raum füllte und dessen pompöse Erscheinung, in dem ansonsten nur spärlich ausgestatteten Zimmer, befremdete. Stur und konstant kündigte sie mit jedem Tick und Tack von der unerbittlich voranschreitenden Zeit. Der Griff um den silbernen Knauf seines Gehstocks verhärtete sich und er ließ den Blick zu den Tabletten in seiner hohlen Hand herunterfallen. Zwei eckige rote, eine längliche gelbe und eine runde, durchsichtig wie eine Miniaturkristallkugel, lagen in den Furchen seiner trockenen Handinnenfläche. Was tat er eigentlich da, fragte er sich. In ein paar Stunden würde er die sowieso unnützen Dinger nicht mehr brauchen. Er warf die vier Tabletten energisch beiseite, griff nach dem dickwandigen Whiskyglas neben der Uhr und kippte das darin befindliche Wasser in einem Zug seine ewig dörre Kehle hinunter. Seiner Frau konnte der heutige Tag nicht mehr helfen. Für sie war es zu spät. Aber sich, seine Töchter und eine Handvoll treu ergebener Freunde und deren Familien würde er vor diesen verfluchten Krankheiten bewahren.

Seine wässrig trüben Augen richteten sich erneut auf das Zifferblatt der alten Uhr. Mit einem kleinen Rucken zuckte der verschnörkelte Minutenzeiger weiter über das rissige Email. Tick. Tack. Tick. Tack. Wo blieb nur seine zweite Tochter, sie sollte längst hier sein?

Mit einem Fluch knallte er das leere Glas auf die Ablage der Kommode zurück und stürmte aus dem Zimmer hinaus.

„Jetzt ist es schon bald fünf Uhr. Verdammt noch mal, Olesja, wo bleibt denn deine Schwester?“

Die angelehnte Tür in ihrem Rücken wurde aufgerissen und hastige Schritte stürmten mit der polternden Stimme in den Raum. Hätte sie ihren Vater im Vorraum nicht schon so lautstark fluchen hören, wäre Olesja jetzt zu Tode erschrocken. Doch so faltete sie in aller Seelenruhe weiter das beige Tunikakleid und die dazu passende Tunnelzughose zusammen, um sie in ihrer großen Reisetasche zu verstauen.

Ihr Vater stand jetzt direkt hinter ihr. Die junge Frau musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass er bleich vor Wut war, und verfluchte in Gedanken die überstürzte Aktion ihre Schwester.

„Ach Papa, reg dich nicht so auf, Helen wird gleich da sein!“, wiegelte Olesja ab und schloss den hakigen Reißverschluss der Reisetasche aus grobem Leinen. „Du weißt doch, dass die Inventur im medizinischen Lager manchmal etwas länger dauert.“

„Und wieso kann ich sie dann über den Kommunikator nicht erreichen?“

„Weil sie ihn im Bad vergessen hat!“, log Olesja ohne zu zögern weiter. Ich habe ihn vorhin dort gesehen, er liegt auf dem Rand vom Waschbecken.“

Alain tat einen tiefen Atemzug in ihrem Rücken.

„Sie wird sich doch nicht wieder mit diesem Falco treffen!“

Die Worte schnitten scharf und gezielt wie Wurfmesser an ihrem Ohr vorbei. Wenn sie nicht wollte, dass Helens Tun aufflog, musste sie jetzt jedes Wort genau abwägen.

„Nein“, konterte Olesja. Vollkommen ruhig wandte sie sich um, ihrem Vater zu. „Du hast ihr doch eindeutig gesagt, dass du den Umgang mit Falco nicht wünschst!“ Ein entspanntes Lächeln auf den Lippen sah Helen ihm fest in die Augen, deren Blau im Takt seines aufkochenden Pulses zu vibrieren schien. „Und du weißt ganz genau, dass wir uns immer an deine Anweisungen halten. Schließlich müssen wir als Töchter des Anführers Vorbilder sein; so wie es deine Frau und unsere Mutter es uns beigebracht hat.“

Indem sie sich auf ihre Mutter berief, konnte sie punkten. Auch wenn die dabei mitaufkommenden Erinnerungen und die Trauer ihre Seele zu zerreißen drohten. Es musste sein, wollte sie Helen aus der Schusslinie ziehen, deren Date mit Falco sie deckte. Doch dies war nicht alles, was die Mutter ihren Töchtern vermittelt hatte. Die Fähigkeit, ihren Vater im Glauben des Gehorsams zu lassen und sich parallel dazu Freiheiten zu verschaffen, hatte sie ihnen ebenso beigebracht. Denn ihre Mutter hatte nicht wollen, dass Olesja und ihre Schwester zu Gefangenen ihres Mannes wurden, wie sie eine gewesen war.

Ihr Vater kniff die spröden Lippen zusammen und fixierte Olesja prüfend.

„Pack für deine Schwester auch gleich die Tasche!“, entschloss er sich nach einigen ihrer bangen Pulsschlägen zu glauben.

Alain war immer noch wütend, aber die ätzende Schärfe, welche seine Worte bisher unheilvoll begleitet hatte, war verschwunden.

„Schon erledigt!“

Olesja hoffte, dass die Erleichterung nicht zu offensichtlich in ihrer Stimme mitschwang. Doch wenn sie Helen helfen wollte, ihrem herrschsüchtigen Vater zu entkommen und ein eigenes Leben aufzubauen, musste sie es tun.

 

*****

 

Helen würgte das klebrig satte Gefühl, mit der ihr Gewissen sich in ihrer Kehle manifestierte, hinunter. Sie hatte keine andere Wahl, ermahnte sie sich, als sich wie ein Dieb davonzuschleichen. So schwer es ihr auch fiel, ihre Schwester Olesja zurücklassen zu müssen - so weh es ihr auch tat - es war das einzig Richtige. 

„Los komm, wir können weiter!“

Falcos Flüstern holte sie aus ihren Gedanken zurück und Helen richtete über seine Schulter hinweg den Blick nach vorne. Ein paar Treppenstufen oberhalb von ihm war sie stehengeblieben und hatte darauf gewartet, dass Falco die Tür entriegelte.

Eilig schlüpfte sie durch die Tür und betrat mit Falco die weitläufige Halle, in welcher alle der Siedlung zur Verfügung stehenden Fahrzeuge geparkt standen.

Hastig sah Falco sich nach allen Seiten um und versuchte sich, über die Reihen der dicht nebeneinander stehenden Gleiter verschiedenster Größe und Alter hinweg, notdürftig einen Überblick zu verschaffen. Doch so sehr er auch suchte, er konnte Lona nicht finden. Eigentlich sollte die mit ihm befreundete Chefmechanikerin und ihr Trupp hier unten sein, doch außer dem stoischen Summen der altersschwachen Neonröhren über ihnen war nichts zu hören. Kein Werkzeug klapperte und niemand fluchte ausgesucht derb über festsitzende Schrauben.

Einzig eine Abdeckung, welche zwei Reihen weiter über dem Antriebsaggregat eines Gleiters offenstand und notdürftig mit einem kantigen Holz abgestützt war, ließ auf laufende Reparaturen schließen. Verbunden mit dieser gespenstischen Stille wirkte die Szene unheilvoll auf Falco. Er spürte, wie sich die feinen Haare in seinem Nacken sträubten, und machte Helen instinktiv ein Zeichen zurück zu bleiben. Von Helens verständnislosen Blicken verfolgt ging er auf den sich offensichtlich in Reparatur befindenden Limousinengleiter zu. Dabei suchte Falco unbewusst zwischen den anderen Fahrzeugen Deckung, während er sich leicht geduckt und in schnellem Tempo zwischen den Fahrzeugen hindurchschlängelte. Gleich darauf stand er vor dem Werkzeug, das auf einer Gummimatte vor dem Gleiter am Boden ausgebreitet lag. Er ging kurz in die Knie und umfasste die dazwischenstehende Kaffeetasse flüchtig. Kaum wärmer als seine Hand - aber wer auch immer aus der angeschlagen Tasse mit der fetten, orangenen Katze darauf getrunken und hier gearbeitet hatte, er konnte noch nicht lange weg sein. Ratlos richtete Falco sich wieder auf und sah zu Helen zurück, die seine Blicke als Aufforderung sah näherzukommen.

„Wo sind die alle?“, wisperte Helen, als sie an Falcos Seite glitt, wobei sie, durch Falcos Nervosität und die hier unten so fremd wirkende Stille irritiert, automatisch ihre Stimme senkte. „Es ist doch keine halbe Stunde her, dass du mit Lona über den Kom geredet hast. - Hatte sie hier nicht auf dich warten wollen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat Lona ihren Trupp absichtlich rausgelotst, damit uns auch garantiert niemand verpfeifen kann. Bei so vielen Leuten gibt es immer einen, dem nicht zu trauen ist.“

„Und jetzt?“

Falco spürte, wie Helens Hand sich in die seine schob und ihre Finger sich mit den seinen verschränkten.

„Jetzt suchen wir uns eben ohne Lonas Hilfe einen der kleineren Gleiter aus, fahren nach Grenoble und fangen neu an!“ Und wie um sich selbst seine Entschlossenheit zu beweisen, richtete Falco sich kerzengerade auf, während er Helen mit sich zog, weiter zwischen die Reihen der Gleiter hinein, auf die großen Rolltore am Ende der Halle zu.

Falco hatte mit Helen die Rolltore fast erreicht, da versperrte ihnen eine Ansammlung von Abdeckplanen den Weg. Zu einem knittrigen Gebirge aufgestaut verstopften sie den schmalen Gang zwischen den hier so dicht aufeinander geparkten Fahrzeugen, dass sie nur hintereinander laufen konnte. Vermutlich stammten die Planen von den umliegenden, größeren Gleitern; waren abgezogen und anschließend bequemlichkeitshalber hier aufgetürmt liegengelassen worden. Lona hatte schon so einige Schlamper in ihrer Truppe, seufzte Falco in sich hinein. Wenn er bei seiner Arbeit am Holo Generator auch so nachlässig wäre, dann hätte sein Mannschaftsführer Kalna ihm schon längst den Kopf abgerissen. Der vierschrötige Mann war nämlich längst nicht so gutmütig wie Lona.

Genervt setzte Falco an, sich über und an den Planen vorbei ihren Weg zu bahnen. Sein Fuß, mit dem er die Planen beiseiteschieben wollte, stieß gegen einen Widerstand und noch bevor sein Verstand sich darüber wundern konnte, packte er mit beiden Händen in den Haufen und schwang einen Schwung der knisternden Planen auf das Dach des nächstbesten Gleiters.

Der sich dabei innerhalb eines Pulsschlags schlagartig entfesselnde Geruch, so intensiv und extrem, als wäre er durch das Dach eines illegalen Schlachthofs gebrochen, ließ ihn mit einem würgenden Aufkeuchen gegen die direkt hinter ihm stehende Helen zurückprallen. Für die Dauer von zwei keuchenden Atemzügen starrte er schockiert auf die Anhäufung von Blut und in zerfetzten Montageoveralls steckenden Körpern vor sich. Das Tattoo mit den verschlungenen Initialen auf dem Handrücken … Lona - Sie hatte ihn nicht vergessen! Der dazugehörige Arm, welcher grotesk verrenkt aus dieser zu einem einzigen, grausigen Haufen verschmolzenen Ansammlung von Leibern herausragte, ihrer.

Helens gellender Aufschrei und ihre Finger, die sich schmerzhaft in seinen Arm krallten, nahm Falco dabei nur noch fremd und fern, wie aus einer anderen Dimension, wahr. Erst der nächste Atemzug, mit dem er endgültig Herr der in seinen Mund drängenden Bitterkeit und aufsteigenden Galle wurde, riss ihn in die Gegenwart zurück. Er wirbelte zu Helen herum und im gleichen Pulsschlag, in dem er ihr seine Hand auf den Mund presste und ihren Schrei erstickte, riss Falco sie mit sich zu Boden. Helen die Sicht auf das dicht hinter ihnen liegende Grauen nehmend, mit dem Rücken fest an sich gepresst, kauerte Falco in der Deckung eines Gleiters. Er presste sich gegen dessen Flanke, als wolle er mit der Verkleidung verschmelzen und lauschte über Helens verängstigtes Wimmern und seine viel zu schnellen und zu lauten Atemzüge in den Raum hinein.

„Kein Laut und bleib dicht bei mir. Kannst du das?“, wisperte er Helen ins Ohr, nachdem sich in der Halle nichts rührte und er auch keine verdächtigen Geräusche hören konnte.

Helen kniff kurz die Augen zusammen und zwang sich ein knappes Nicken ab, während sie weiterhin mit hektischen Atemzügen um Fassung rang. Gleich darauf nahm Falco seine Hand von ihrem Mund und trieb sie mit sich auf die Beine.

„Da-Da ist ein Irrer in der Siedlung! W-Wir müssen d-die anderen warnen“, stotterte Helen, deren Lippen zitterten, als würde sie nackt in Eiswasser baden.

 

Mechanisch nickte Falco es ab, um Helen ruhigzustellen. Für ihn war jedoch klar, dass hier jede Warnung zu spät kam. Er und Helen durften jetzt unter keinen Umständen in die Wohntrakte der Siedlung zurück. Der Zustand der Leichen, die Bissspuren, das war niemand von ihnen gewesen! SIE waren hier! Und dass der Alarm inzwischen nicht ohrenbetäubend durch die Halle gellte, konnte nur eines bedeuten, dass SIE schon längst im Gebäude waren. Damit hatte er auch keine Zeit mehr, einen Gleiter zu starten und die Tore zu aktivieren. Ihre einzige Chance zu überleben war, rechtzeitig ein Versteck zu finden. Einen Moment zögerte Falco noch, dann zog er Helen von den Rolltoren weg, dem Treppenhaus, über das sie die Halle betreten hatten, wieder entgegen ...

 

 

© 2018 Andreas Wisst

 

Umschlag, Illustration: K. J. Kögel

Lektorat, Korrektorat: Reinhard Sing

 

 

 

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